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Antisemitismus tötet

Antisemitismus ist ein Alarmzeichen für Gesellschaften, denn Antisemitismus tötet Menschen, Freiheit, Akzeptanz des Andersseins.

Seit einiger Zeit zeigt sich die antisemitische Fratze deutlich in Deutschland und anderen Ländern. Juden werden beschimpft, bedroht und angegriffen. Der Holocaust wird verharmlost und relativiert. Sowohl in “Sozialen Medien” als auch auf der Straße.

Seine Wurzeln hat diese Gewalt in Weltbildern, in denen Juden für das Unglück Anderer verantwortlich gemacht werden, weil sich Juden angeblich global gegen die Menschheit verschworen hätten. Juden als das destruktive Wesen schlechthin. Das ultimative Böse, das je nach Ideologie in den Erzählungen in verschiedene Gewänder gesteckt wird.

Gemeinsam haben die antisemitischen Erzählungen den Schicksalskampf, an dem sich der Untergang oder die Erlösung der Menschheit entscheide. In einigen Erzählungen wurde der Begriff der Juden gegen Codes ausgetauscht Zionisten, Eliten, Globalisten -, aber immer verfügt eine im Hintergrund agierende Gruppe über die vermeintliche Macht und Skrupellosigkeit, die Menschheit zu ihren eigenen Gunsten ins Unheil zu führen.

Daraus ergibt sich die Phantasie eines Endkampfes. Ohne einen Sieg über diese Gruppe, keine Erlösung der Menschheit, kein Frieden, keine Freiheit.

Deswegen sind diese Mythen so gefährlich. Sie halluzinieren einen existentiellen Kampf der reinen, ursprünglichen Menschheit gegen das ultimative Böse. Das führt zu Angriffen auf Juden. Denn selbst wenn in den Erzählungen das Wort Jude nicht verwendet wird, so wissen Menschen in den Gesellschaften durch Jahrhunderte andauernde Sozialisierung über die verschiedenen Codes Bescheid. Man sieht es daran, dass letztendlich eben doch immer wieder Juden und jüdische Einrichtungen von den verschiedensten Gruppen angegriffen werden.

Mitschuldig an dieser Entwicklung sind auch jene, deren Aufgabe es wäre, solche Vorfälle zu untersuchen und zu bestrafen. Staatsanwälte, Polizisten, Beamte allgemein, die es nicht erkennen wollen, die zu wenig wissen oder schlicht zu ignorant sind, um zu handeln; Politiker, die behaupten, Antisemitismus sei “nur importiert” (hier und hier). Und das nicht nur in Deutschland.

Antisemitismus betrifft nicht nur eine “kleine Gruppe” von Menschen. Antisemitismus ist ein Alarmzeichen. “Antisemitismus ist das weltweit zuverlässigste frühzeitige Warnsignal für eine große Gefahr für Freiheit, Menschlichkeit und die Akzeptanz des Andersseins”, sagt Rabbi Sacks (siehe Video unten).

Daher sind auch die Akteure gefährlich, die solche Mythen aktiv verbreiten. Dazu gehören die Attila Hildmanns, die Samuel Eckerts, die OCG, Islamisten und Querdenker sowie Verschwörungsideologen genauso wie die Janas aus irgendwo und die Nerlings, Naidoos und wie sie alle heißen. Dabei ist es egal, ob Gerda sonst gern in die Kirche oder Ahmed gern in die Moschee, ob Franz zum Kegeln oder Resa auf eine Impfgegener-Demo geht.

Es ist keine Frage, ob die nächsten Anschläge auf Juden kommen, sondern eine des wie oft und wie heftig noch.

2 Antworten auf „Antisemitismus tötet“

Antisemitismus ist wie eine Hydra, wie ein widerlicher Krebs, der einfach nicht weg zu bekommen ist und immer wieder neue Metastasen bildet, gespeist aus Jahrhunderte alten narrativen Wurzeln, immer wieder neu erfunden und neu erzählt.

Dabei war mein ursprüngliches Empfinden, dass das lange überwunden sei. Dass „wir“ das nach dem WW2 abgelegt hätten, hatte ich jedenfalls so in der Schule im Geschichtsunterricht aufgefasst… Man, was habe ich mich da geirrt in meiner jugendlichen Naivität.

Die zunehmende Wut und der Frust und auch die Scham (dafür Teil unserer deutschen Gesellschaft zu sein), die ich bei meinen jüdischen Bekannten beobachten muss, bricht mir das Herz.

Hier noch ein zusätzlicher Aspekt zum Antisemitismus im Vergleich zu anderem Hass aka Xenophobie:
Juden sehen aus wie Du und ich. (Auch wenn sich viele Antisemiten die größte Mühe geben Juden anhand diverser Merkmale zu erkennen.) Juden sind wie Du und ich. Damit sind Juden zusätzlich zur Xenophobie eine sehr flexible Projektionsfläche für einfach alles zB Selbsthass, Antiamerikanismus, Antikapitalismus, Paranoia, jede bekannte Verschwörungstheorie, Kommunismus (Juden sind schuld am Kommunismus und gleichzeitig Feindbild im Kommunismus) und wirklich allem was man auf seine Mitmenschen drauf fantasieren kann. (Meist um es bei sich selbst nicht sehen zu müssen.) Antisemitismus bietet ein herrlich leicht zu begreifendes Weltbild: wir hier gegen die böse Bedrohung. Und wie sehr sich Menschen nach einfachen Weltbildern sehnen, um sich sicher zu fühlen und ihre eigenen Ängste aushalten zu können, dafür ist Querdenken ja auch so ein super Beispiel.

Für andere Xenophobien müssen zumindest irgendwo „anders Aussehende“ rum laufen, damit der (nicht schizophrene/nicht klinisch paranoide) Xenophobe die „Bedrohung“ subjektiv empfinden kann. Beim Antisemitismus kann der Antisemit seiner Fantasie freien Lauf lassen, die eigenen Augen liefern einfach keinen „reality check“ wie viele Juden da draußen wirklich sind; es werden im Kopf vermutlich immer mehr, umso mehr antisemitischen Dreck man liest.

Wenn sich der Xenophobe vor seinen „Feinden“ schützen will, dann leben die ja weit weg und man kann die hin schicken „wo die hergekommen sind“, die „Grenzen dicht machen.“ Aber wie schützt man sich als phobischer und vor allem als kontra-phobischer Antisemit vor seinem „Feind“, der quasi das eigene Spiegelbild ist? Da helfen nur radikalere Maßnahmen.

Oder mit anderen Worten: Danke für diesen Artikel und Eure tolle Arbeit!

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