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OpTinfoil Querdenken Samuel Eckert

Samuel Eckert – der Verschwörungsprediger

Samuel Eckert auf Corona-Infotour ist mehr als nur ein Verschwörungsideologe: Ein Prediger mit deutlich antisemitischen Tendenzen.

Dass Samuel Eckert mit dem Bodo im Bus unterwegs ist, das hat sich ja bereits herumgesprochen. Naja, ein bisschen. An mehreren Stationen in Deutschland wettert er über die Corona-Maßnahmen, vergleicht sie mit der NS-Diktatur, biedert sich den Rechten an, lächelt für die Schwiegermütter und gründet auf Telegram „hinter verschlossenen Türen“ eine Gruppe nur für Minderjährige.

All das ist bekannt und schlimm genug.

Auch eben die Tatsache, dass er auf die „Universalbiologie“ steht, dass er – gestützt durch Jorge Berg und andere unbekannte Pseudowissenschaftler – so tut, als könne er gestandenen Virologen das Wasser reichen, obwohl er gar keine Expertise hat: bekannt.

Lasst uns doch den Herrn mal etwas tiefer und genauer anschauen. Er ist „Unternehmer“ – auch das ist bekannt, aber darauf werden wir die Tage mal ein ganz, ganz, ganz kleines Anonymous-typisches Bisschen eingehen. Uns ist nur die Wolle ausgegangen …

Heute geht es um Religion.

gähn

Nein, nicht gähn, denn es ist ein wichtiges und interessantes Thema. Vor allem bei Eckert.

Jeder weiß, dass Samuel Eckert ein Mitglied der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten (STA) ist. Diese Kirche mit mehreren Gemeinden in Deutschland ist bekannt dafür, die Bibel relativ worttreu auszulegen. Das ist natürlich jedermans eigene Sache, da mischen wir uns nicht ein.

Aber gerade im Augenblick stimmt was nicht bei den STA-Geschwistern. Es ist unruhig. Und das liegt unter anderem an Eckert und dem „Vater“, also Eckerts Pflegevater Dr. Horst Müller aus Sinsheim mit HNO-Praxis in Weinheim.

Schon im vergangenen Jahr sorgte Eckert für Unruhe. Damals hielt er eine Predigt in Lahr, das war im Dezember 2019. Normalerweise veröffentlichen die STA Predigten auf der eigenen Website. Nicht so diese. Zu antisemitisch die Konnotation.

Ist Eckert ein Antisemit?

Wir machen solche Anschuldigungen niemals leichtfertig. Deswegen haben wir einen gefragt, der mehr Ahnung hat als wir: den Antisemitismusbeauftragten des Landes Baden-Württemberg und Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume (@BlumeEvolution auf Twitter), der auch Fachmann für Verschwörungsmythen ist.

Der hatte natürlich schon von der gelöschten, aber von der STA nicht wirklich aufgearbeiteten Predigt gehört. Wir fanden Ausschnitte beim Blogger 0x8000.de. Ein Beispiel:

„Und deshalb sagt Jesus über die, die ihr Leben erhalten wollen, sie werden es verlieren. Die, die zu Christus kommen um ihretwillen, haben keine Chance. Denn dann bist du so wie die Juden, dann geht’s uns gut, dann sind wir da. Und alles andere ist egal. Aber wir vergessen, dass wir in dieser Welt sind zu einem einzigen Zweck: Um selbstlos zu sein, um Menschen zu gewinnen durch unser Leben.“

(Predigt Samuel Eckert im Dezember 2019)

Von Dr. Blume wollten wir wissen, ob das wirklich antisemitisch ist, was seine Enschätzung dazu ist. Wir fragten:

„Inwieweit würden Sie diese in dem Blog dargestellten Aussagen als antisemitisch einstufen, auf einer Skala von 0 bis Nerling?“

Anonymous

Seine Antwort:

„Ganz klar Tendenz zu Nerling. Verschwörungsgläubige landen fast immer und ausnahmslos im Antisemitismus.“

Dr. Blume

(Dr. Blume hat die Antworten zur Veröffentlichung durch uns freigegeben, wir hängen die gesamte Mail unten an.)

Okay, Tendenz zu Nerling. Wir hatten ja schon vorgearbeitet und mehr Fragen. Zum Beispiel zu dem ominösen Buch, dass Samuel Eckert jetzt signiert versendet, wenn man ihm eine E-Mail schickt. Das Buch, das bei den STA einst ein sehr wichtiges Buch war und derzeit offenkundig ein Revival erlebt. Wir hatten recherchiert, und wenn es nicht schon vorher ernst gewesen wäre – es ist nicht mehr lulzig.

„Der Große Kampf“ heißt das Buch, es ist auch erschienen als „Der Große Konflikt“. Eigentlich ist es Band 5 von „Der große Konflikt der Menschheit“. Veröffentlicht wurde es im Jahr 1888 von Ellen Gould White in den USA, der Frau des ersten Präsidenten der damals noch jungen Adventisten-Gemeinde.

Wenn man es liest, dieses Buch, dann muss man schon sehr glühend gläubig sein, um über all die Passagen gegen Juden hinwegzusehen. Sogar den Adventisten ist es unangenehm, wenn das Buch verteilt wird. Zumindest im letzten Jahr war es so. Nach einer Verteilaktion in Konstanz ist die Gemeinde eher – gespalten.

Und Eckert? Er hält das Buch für wichtig, für ihn ist es ein Buch, das „den ganzen Kontext hier sehr, sehr schön erklärt“. Klar, er meint das mit der Unterdrückung und dass die Masken ja schlimm seien, die gesamten Maßnahmen… Oder?

„Die Juden, die das bei der ersten Ankunft Christi gegebene Licht verwarfen und sich weigerten, an ihn, als an den Heiland der Welt zu glauben, konnten durch ihn keine Vergebung erlangen. Als Jesus nach seiner Himmelfahrt durch sein eigenes Blut in das himmlische Heiligtum trat, um seinen Jüngern die Segnungen seiner Vermittlung angedeihen zu lassen, verblieben die Juden in vollständiger Finsternis, und sie setzten ihre nutzlosen Opfer und Gaben fort.“

Eckerts Predigt oder „Der Große Kampf“?

„Während die Juden insgeheim jeden Grundsatz des Gesetzes Gottes mit Füßen traten, waren sie äußerlich streng in den Beobachtungen seiner Vorschriften, indem sie es mit Überlieferungen und Anforderungen überluden, welche die Beobachtung derselben peinlich und lästig machten. Wie die Juden vorgaben, das Gesetz zu verehren, so behaupten die Römlinge, das Kreuz zu verherrlichen. Sie erhöhen das Sinnbild der Leiden Christi, während sie in ihrem Leben denjenigen verleugnen, den es darstellt.“

Na?

„Derselbe Beweggrund, der Kain zu Abels Mörder machte, veranlaßte die, welche sich vom hemmenden Einfluß des Geistes Gottes zu befreien suchten, Gottes Kinder zu töten. Aus dem nämlichen Grunde verwarfen und kreuzigten die Juden den Heiland; denn die Reinheit und Heiligkeit seines Charakters war ein beständiger Vorwurf gegen ihre Selbstsucht und Verderbtheit. Von den Tagen Christi an bis jetzt haben seine getreuen Jünger den Haß und, den Widerspruch derer erweckt, welche die Wege der Sünde lieben und ihnen nachgehen.“ („Der Große Kampf“, Ellen Gould White)

Oder:

„Die Juden bauten Denkmäler für die erschlagenen Propheten Gottes, während sie durch ihre Ehrerbietigkeit gegen die Großen der Erde den Knechten Satans Huldigung darbrachten. Gänzlich von ihrem ehrgeizigen Streben um Stellung und Macht unter den Menschen in Anspruch genommen, hatten sie die ihnen von dem König des Himmels angebotenen göttlichen Ehren aus den Augen verloren.“

Alles aus Ellen Gould Whites Buch. Doch Eckert klingt genauso. Erklärt den ganzen Kontext hier sehr, sehr schön? Ein Buch von 1888 mit antisemitischer Tonlage, erschienen ein Jahr vor Hitlers Geburt, lange bevor jemand diese „Protokolle der Weisen von Zion“ fälschte? Noch länger vor dem Holocaust? Dieses Buch erklärt den Kontext hier sehr schön? Im Jahr 2020?

Zählt das zu „Entweder mehr oder weniger Drogen – diese Dosis ist kacke“?

Nein, es ist ernster. Eckert tritt in die Fußstapfen seines Plegevaters Dr. Müller. In dessen Praxis steht – so lässt uns ein Foto auf seiner Website wissen – ebenjenes Buch in Pose.

Dr. Müller ist eher ein Langweiler, wenn man sich die zahlreichen Videos auf lightchanneltv.de (betrieben von einer Lydia Müller aus Sinsheim) so anschaut. Aber so ganz ohne ist er nicht, der „Vater“. Schließlich ist er ja mit 19 aus Siebenbürgen geflohen. Als „Volksdeutscher“, wie er betont. Mit seinen Vorträgen zum „Gesetz des Lebens“, einer Form der verschwurbelten Universalbiologie, langweilt er Zuhörer auf allen Seiten aller Ozeane, und man fragt sich, wie er fachlich wohl so als Arzt ist. Okay, nur HNO, keine Neurochirurgie zum Glück, bei dem, was er der Großhirnrinde für Funktionen zuschreibt…

Und unbekannt bei den Geschwistern scheint er mit seiner religiösen Einstellung auch nicht.

„Müller und seine Sippe“? Dr. Müller und seine Sippe, soviel Zeit muss sein.

Wahrscheinlich nutzt Vater Müller jetzt die Poplularität seines Sohnes? Nein, beide sind ohnehin überzeugte Adventisten. Doch die sind nicht begeistert, haben sich von Eckerts Aktionen distanziert. Allerdings nur von seinen „Auffassungen, welche die Gefahren einer Ansteckung mit dem Coronavirus leugnen“. Nicht von seinem Antisemitismus.

Zurück zum Buch. Wir fragten Dr. Blume nach „Der Große Kampf“:

Würden Sie das Buch insgesamt als antisemitisch einstufen?

Anonymous

Antwort:

Jeder Text wird – schon beim Lesen – interpretiert. Und wer also „Der Große Kampf“ ohne jede historische und auch kritische Einordnung verordnet, nimmt die Förderung von Antisemitismus billigend in Kauf.

Dr. Blume

Unsere Frage:

Samuel Eckert bewirbt nicht nur das Buch, man kann es sogar über ihn erwerben, bzw. eine E-Mail schicken und er sendet ein von ihm signiertes Exemplar von „Der Große Kampf“ zu. Laut Eckert sei dies ein Buch, dass „den ganzen Kontext hier sehr, sehr schön erklärt“. Für wie problematisch – vor allem aus Ihrer Sicht als Antisemitismusbeauftragten, aber auch als Religionswissenschaftler – halten Sie die „unbegeleitete“ Rezeption des Buches sowie die Verteilung und Bewerbung durch Eckert?

Anonymous

Seine Antwort:

„Mit dem sogar signierten Versand von „Der Große Kampf“ macht sich Samuel Eckert die dualistische und teilweise antisemitische Mythologie der damaligen Zeit zu eigen und präsentiert sich auch gegenüber Gläubigen als Verkünder „eigentlicher“, durch die offiziellen Kirchen „verdrängter“, antijüdischer „Wahrheiten“. Ich halte das für sehr problematisch – zumal dann, wenn dabei auch noch Minderjährige eingebunden, angesprochen und manipuliert werden. Würden wir es denn hinnehmen, wenn in einer kirchlichen Jugendarbeit antijüdische Texte von Martin Luther ohne jede Einordnung, aber mit persönlicher Signatur des Gruppenleiters verteilt würden? Ich halte das für problematisch, gefährlich und für geeignet, Menschen verschwörungsgläubig, dualistisch und antisemitisch zu radikalisieren.“

Dr. Blume

Radikalisierung, Minderjährige, da sagt er was, der Dr. Blume.

„Ich halte die Versuche der Rekrutierung von Minderjährigen in Digitalgruppen wie die „Samuel Youngsters“ für eine echte Gefahr für das Jugendwohl sowie für rechtlich bedenklich. Im Gegensatz zu einer „ordentlichen“ religiösen Jugendarbeit bleiben hier AnsprechpartnerInnen und Verantwortlichkeiten anonymisiert, zugleich werden verschwörungsmythologische Inhalte propagiert, ein gegen Demokratie und Wissenschaften gerichtetes Gruppengefühl propagiert und junge Menschen auch politisch manipuliert. Ich sehe hier auch elterliche Erziehungs- sowie Datenschutzrechte verletzt. In der Landesregierung habe ich auf die Problematik dieser Gruppe bereits hingewiesen. Sollte es auf Dauer nicht möglich sein, gegen solche neuartigen Digitalsekten mit Bezug auf Minderjährige vorzugehen, müssten dafür rechtliche Grundlagen geschaffen werden. Denn ein Erfolg der sog. „Samuel Youngsters“ würde unweigerlich auch zu Nachahmungen führen.

Vergleichend verweise ich hier auf die Propagierung von Gewalt gegen Minderjährige in der Schweizer OCG-Sekte sowie auf die Radikalisierung auch von Müttern und Familien in der neueren QAnon-Digitalsekte.“

Dr. Blume

Es gibt viele Christen, die einen Weg finden, sich mit den Corona-Maßnahmen zu arrangieren. Warum nicht Herr Eckert und sein „Vater“, ein Arzt?

Vielleicht, weil sie verblendet daran glauben möchten, dass Ellen Gould White die Wahrheit geschrieben hat. Und weil es ihnen – wie allen Querdenkern, auch nicht Ballweg – um Corona und die Coronamaßnahmen gar nicht geht. Weil Corona nur Mittel zum Zweck ist. Mittel zum Meckern, Mittel um Stunk zu machen. Der Zweck: eine Agenda durchzusetzen, über die sie gar nicht mehr gern reden, eine Agenda, die sie die AfD und die Identitären, die Reichsbürger und die gesamte Neue Rechte hofieren läßt. Oder fällt es Euch nicht auf, wie still es um Friedensvertrag, Merkelsturz und Militärgerichte es bei denen geworden ist? Nicht beirren lassen: Für Schiffmann und Ballweg ist es eine politische und für Eckert und Müller eine religiös-politisch-rechtsesoterische Agenda. Das Ergebnis ist dasselbe.

Eckert glaubt dasselbe wie „Vater“, aber man würde ihm einen Vogel zeigen, würde er seinen Glauben, seine religiöse Einstellung und seine politischen Wünsche einfach so offenbaren. Deswegen kann er das den Menschen auf seiner Bustour nicht so ungeschminkt sagen, deswegen macht er auf lausbübischen Schnullerboy, auf rechtsesoterisch-religiös angehauchten Schwiegermutterschwarm. Vielleicht greift er deshalb auf die ihm ebenfalls gut passende „Universalbiologie“ und pseudowissenschaftliche Artikel, „Studien“ und Aussagen zum Beispiel eines Jorge Berg zurück, um die Leute zu verwirren ohne sie zu überfordern. Deswegen verteilt er das Buch „Der Große Kampf“ ohne historische Einordnung.

Aber deswegen ein Antisemit? Ein antisemitischer, wanderpredigender Kinderrekrutierer mit Rattenfängerlächeln, für den die Apokalypse gerade läuft? Der Höcke des Glaubens?

Wohl eher ja.

Eckert ein Antisemit vom Kaliber eines „Volkslehrer“ Nerling?

Anscheinend ja.

Dr. Blume:

„Ich bezeichne Samuel Eckert als „Verschwörungsprediger“, da er Verschwörungsmythen zur Covid19-Pandemie nicht nur verbreitet, sondern predigthaft verbreitet. Wie zum Beispiel der OCG-Sektengründer Ivo Sasek auch nutzt Eckert dabei die Grenzen zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz, um sich juristischen Folgen seines Tuns möglichst zu entziehen. „

Dr. Blume

Fazit:

Samuel Eckert ist ein Verschwörungsprediger, auch der Begriff stammt von Dr. Blume. Ihm ist jedes Mittel recht, Menschen angeblich „zum Nachdenken“ zu bringen, auch der, verstorbene Kinder zu instrumentalisieren. Dabei treibt sich Eckert mit Vorliebe gerade nicht in der Kirche, sondern in den vollgep….. rechtsesoterischen bis knallhart rechten Ecken und deutlich antisemitischen Gewässern herum, angetrieben und unterstützt durch Dr. Horst Müller und seinen Glauben als Splittergrüppler der STA. Denn das die STA in Bezug auf Dr. Müller, Ellen Gould White und Samuel Eckert gespalten sind, wird in deren Facebook-Gruppe deutlich.

Wie ein Rattenfänger trällert Eckert ein fröhliches Lied, während er seine Anhänger kalt lächelnd den rechten Hügel hochhetzt. Ein Demagoge aus dem Reich der Querdenker, Antisemit, Pseudowissenschaftler, Kindesverführer. Damit reiht er sich ein in eine Gruppe mit Ivo Sasek – und das nicht, weil er in der Schweiz lebt.

Im Jahre 1888, als „Der große Kampf“ herauskam, gewann Grover Cleveland zwar das „popular vote“, die Mehrheit der bei der Präsidentschaftswahl abgegebenen Stimmen, Präsident wurde jedoch Benjamin Harrison, weil er das „electoral collage“, die meisten Wahlmännerstimmen gewann. So wie Trump. Ebenjener Harrison, führte dann den „McKinley Tariff“ ein, eine Anhebung der Schutzzölle auf fast 50%. So wie – ganz ähnlich – Trump.

zUfAlL???

Ein Trump in 1888? Geschichte wiederholt sich?

Nein, sicher nicht. Geschichte wiederholt sich nicht von allein. Aber es gibt über 130 Jahre später zahlreiche Eckerts, die nicht klug werden wollen, nicht erwachsen werden wollen, nicht nachdenken, sondern irgendwie querdenken wollen – Eckerts, die wollen, dass Geschichte sich wiederholt und am Ende wieder für nichts verantwortlich gewesen sein wollen. Eckerts, die Worte verdrehen und Narrative zu ändern versuchen.

Geschichte wiederholt sich nur, wenn wir normalen Menschen dies zulassen. Wenn wir Antisemiten wie Samuel Eckert gewähren lassen, damit davon kommen lassen.

Samuel Eckert ist einer der gefährlicheren Akteure an der Front der Neuen Rechten derzeit.

Und jetzt – mit ganz besonderem Dank am Dr. Michael Blume (@blumeevolution) – die gesamte Mail von Dr. Blume mit unseren Fragen und seinen Antworten in voller Länge:

Liebe Anonymous,

vielen Dank für Eure Recherchen und Fragen. Hier meine Antworten, hiermit gerne auch zum Zitieren durch Euch autorisiert.

Sowohl Samuel Eckert als auch sein Pflegevater Dr. Horst Müller sind – oder waren – Mitglieder der Freikirche „Siebenten-Tags-Adventisten“. Lars Wienand (T-Online) betitelte neulich einen seiner Artikel wie folgt: „Mit dem netten Querdenker Samuel Eckert in die Apokalypse“[1]. Und tatsächlich scheint Samuel Eckert genau wie sein Pflegevater dem Glauben anzuhängen, Krankheit beruhe auf Sünde, Gesundheit auf dem Gehorsam zu Gott. Dies kann er den Menschen auf seiner Bustour nicht so ungeschminkt sagen, weshalb er auf die ihm ebenfalls gut liegende „Universalbiologie“ und pseudowissenschaftliche Artikel, „Studien“ und Aussagen zurückgreift.

a) Wie schätzen Sie derzeit das Auftreten des Samuel Eckert ganz allgemein ein?

Ich bezeichne Samuel Eckert als „Verschwörungsprediger“, da er Verschwörungsmythen zur Covid19-Pandemie nicht nur verbreitet, sondern predigthaft verbreitet. Wie zum Beispiel der OCG-Sektengründer Ivo Sasek auch nutzt Eckert dabei die Grenzen zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz, um sich juristischen Folgen seines Tuns möglichst zu entziehen.

b) Wie schätzen Sie die Aktivitäten des Samuel Eckert in Bezug auf Kinder (geschlossene Gruppe „Samuel Eckert Youngsters“ für Kinder von 10 bis 17 auf Telegram) ein?

Ich halte die Versuche der Rekrutierung von Minderjährigen in Digitalgruppen wie die „Samuel Youngsters“ für eine echte Gefahr für das Jugendwohl sowie für rechtlich bedenklich. Im Gegensatz zu einer „ordentlichen“ religiösen Jugendarbeit bleiben hier AnsprechpartnerInnen und Verantwortlichkeiten anonymisiert, zugleich werden verschwörungsmythologische Inhalte propagiert, ein gegen Demokratie und Wissenschaften gerichtetes Gruppengefühl propagiert und junge Menschen auch politisch manipuliert. Ich sehe hier auch elterliche Erziehungs- sowie Datenschutzrechte verletzt. In der Landesregierung habe ich auf die Problematik dieser Gruppe bereits hingewiesen. Sollte es auf Dauer nicht möglich sein, gegen solche neuartigen Digitalsekten mit Bezug auf Minderjährige vorzugehen, müssten dafür rechtliche Grundlagen geschaffen werden. Denn ein Erfolg der sog. „Samuel Youngsters“ würde unweigerlich auch zu Nachahmungen führen.

Vergleichend verweise ich hier auf die Propagierung von Gewalt gegen Minderjährige in der Schweizer OCG-Sekte sowie auf die Radikalisierung auch von Müttern und Familien in der neueren QAnon-Digitalsekte.

Die Siebenten-Tags-Adventisten haben sich nicht nur in Hinsicht auf Covid19/Corona von Eckert distanziert [2], sondern auch wegen einer intern umstrittenen Predigt. Er darf in Gemeinden wegen seiner Einstellung zu Corona nicht mehr auftreten; auch zuvor wurden bereits gebuchte Predigten abgesagt wegen jener Predigt mit antisemitischer Konnotation. Die fragliche Predigt wurde von den Webseiten der Adventisten in aller Stille gelöscht, ist aber zumindest in Fragmenten verfügbar. Der Blogger 0x8000 (@KonLex09 auf Twitter) berichtete unlängst darüber.[3] Zitat aus dem Blog: „In der Predigt nimmt Eckert mehrfach in negativer Konnotation Bezug auf „die Juden“ als Kollektiv.“

a) Inwieweit würden Sie diese in dem Blog dargestellten Aussagen als antisemitisch einstufen, auf einer Skala von 0 bis Nerling?

Ganz klar Tendenz zu Nerling. Verschwörungsgläubige landen fast immer und ausnahmslos im Antisemitismus.

Warum? Das Judentum war die erste Religion des Alphabetes, der ersten Revolution der schriftbasierten Informationstechnologie. Deswegen – und nicht wegen irgendwelcher Genetik – werden immer wieder Juden der Weltverschwörung bezeichnet, entfielen tatsächlich rund 20 Prozent aller jemals verliehenen Nobelpreise auf Jüdinnen und Juden und landen Verschwörungsgläubige fast nie beim Glauben an die Weltverschwörung der Brasilianer, Quäker, Peruaner oder Adventisten. Bis heute bezeichnen wir die auch im Netz meistverwendeten Schriften nach den ersten beiden Buchstaben des Hebräischen Aleph (Rind) und Beth (Haus). Statt dies – unabhängig vom eigenen religiösen (Nicht-)Glauben – anzuerkennen und wissenschaftlich einzuordnen, prangern Antisemiten wieder und wieder das Judentum mit Verschwörungsmythen an.

Ausführlicher, als Podcast-Folge (auch zu „Sem“ in Anti-Sem-itismus):
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-folge-2-warum-immer-die-juden-warum-immer-israel-antisemitismus/

b) Ist Samuel Eckert Ihnen bereits mit antisemitschen Äußerungen aufgefallen? Auch und vor allem vor dem Hintergrund des stetig mehr zu Tage tretenden Antisemitismus innerhalb der Querdenker?

Ja, schon Samuel Eckerts Predigt im baden-württembergischen Lahr (Schwarzwald) war nach meiner Kenntnis eindeutig antisemitisch und verschwörungsmythologisch konnotiert. Innerhalb der Adventisten stieß er auch deswegen auf massiven Widerspruch und wurde von seinem Predigtamt entbunden. Die Predigt wurde zwar gelöscht, aber eine inhaltliche Auseinandersetzung seiner Kirche mit deren Inhalten habe ich bisher leider nicht wahrgenommen.

Als Religionswissenschaftler ist Ihnen die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten wahrscheinlich bekannter als uns. Wie würden Sie die heute tätigen Gemeinden insgesamt hinsichtlich der Neigung zum Antisemitismus, vielleicht sogar hinsichtlich Verschwörungsmythen einordnen?

Die Siebenten-Tags-Adventisten waren eine ursprünglich dualistische (die Menschheit in „gute“ und „böse“ Gruppen aufteilende) Bewegung, die u.a. den Sabbat beging und den Fleischverzicht lehrte und sich im 20. Jahrhundert zunehmend reflektierte und auch interreligiösen Gesprächen öffnete. Allerdings erfolgte dies – auch aufgrund einer Skepsis gegenüber akademischer Theologie – oft eher durch ein Übergehen problematischer Textstellen und Überlieferungen, statt durch eine ehrliche Aufarbeitung. Und das bedauere ich: In Zeiten des Internets können Bewegungen aller Art problematische Inhalte nicht mehr einfach „verschwinden“ lassen. Sinnvoll und notwendig wäre eine offene, kritische Auseinandersetzung damit.

Samuel Eckert und sein Pflegevater Dr. Horst Müller bewerben relativ offensiv das Buch „Der Große Kampf“, das den 5. Band des Zyklus „Der Mensch im kosmischen Konflikt“ von Ellen G. White darstellt. Ellen White, die „Visionärin“ der Adventisten und Ehegattin des ersten Präsidenten der Freikirche hält in diesem Werk ebenfalls nicht wirklich hinter dem Berg mit ihrer – nennen wir es mal so – Abscheu gegen Menschen jüdischen Glaubens. Sie kennen das Werk sicherlich besser als wir, aber hier einige Textstellen:

„Die Juden bauten Denkmäler für die erschlagenen Propheten Gottes, während sie durch ihre Ehrerbietigkeit gegen die Großen der Erde den Knechten Satans Huldigung darbrachten. Gänzlich von ihrem ehrgeizigen Streben um Stellung und Macht unter den Menschen in Anspruch genommen, hatten sie die ihnen von dem König des Himmels angebotenen göttlichen Ehren aus den Augen verloren.“[4]

„Derselbe Beweggrund, der Kain zu Abels Mörder machte, veranlaßte die, welche sich vom hemmenden Einfluß des Geistes Gottes zu befreien suchten, Gottes Kinder zu töten. Aus dem nämlichen Grunde verwarfen und kreuzigten die Juden den Heiland; denn die Reinheit und Heiligkeit seines Charakters war ein beständiger Vorwurf gegen ihre Selbstsucht und Verderbtheit. Von den Tagen Christi an bis jetzt haben seine getreuen Jünger den Haß und, den Widerspruch derer erweckt, welche die Wege der Sünde lieben und ihnen nachgehen.“[5]

Auch wenn die Adventisten seit Ihrer Stellungnahme zum 60. Jahrestag des Kriegsendes im Mai 45 – und später nach einem Vortrag von Walter Veith erneut – stets bemüht sind, den Antisemitismus „in jeglicher Form“ zur verurteilen, so haben diese Zeilen der Ellen White doch Einfluss. Und dies sind nur zwei von zahlreichen Passagen. (Unter [6] finden Sie Auszüge in einer DuckDuckGo-Suche.)

a) Für wie „aktiv“ würden Sie solche Thesen innerhalb der Freikirche allgemein halten und wie viel Einfluss hat nach Ihrem Dafürhalten das 1888 erschienene Buch noch bei den Siebenten-Tags-Adventisten?

Nach meiner Einschätzung haben große Teile der Adventisten-Bewegung die meisten antisemitische Verschwörungsmythen hinter sich gelassen – aber doch eher, indem problematische Texte und Textstellen „vergessen“ als aufgearbeitet wurden. Genau das erlaubt es leider auch Verschwörungspredigern wie Samuel Eckert, sich mit Berufung auf adventistische Urtexte als „aufrecht“ und „streitbar“ zu präsentieren. In Zeiten des Internets macht der Versuch, alte Texte zu „vergessen“, schlichtweg keinen Sinn mehr, für keine religiöse, weltanschauliche oder politische Bewegung. Sie müssen gestellt und historisch-kritisch aufgearbeitet werden.

Eine ganz vergleichbare Situation erlebt derzeit die Anthroposophie mit Textstellen von Rudolf Steiner. Deswegen habe ich eine Einladung der Anthroposophischen Gesellschaft dazu gerne angenommen und wir haben auch digital neue Formate beraten, problematische Aussagen kritisch-konstruktiv zu bearbeiten. Auch für ein Gespräch mit den Siebenten-Tags-Adventisten stünde ich selbstverständlich gerne zur Verfügung. Schließlich entsteht auch ihnen durch die Verschwörungspredigten von Samuel Eckert ein realer Schaden.

b) Samuel Eckert bewirbt nicht nur das Buch, man kann es sogar über ihn erwerben, bzw. eine E-Mail schicken und er sendet ein von ihm signiertes Exemplar von „Der Große Kampf“ zu.[7] Laut Eckert sei dies ein Buch, dass „den ganzen Kontext hier sehr, sehr schön erklärt“. Für wie problematisch – vor allem aus Ihrer Sicht als Antisemitismusbeauftragten, aber auch als Religionswissenschaftler – halten Sie die „unbegeleitete“ Rezeption des Buches sowie die Verteilung und Bewerbung durch Eckert?

Mit dem sogar signierten Versand von „Der Große Kampf“ macht sich Samuel Eckert die dualistische und teilweise antisemitische Mythologie der damaligen Zeit zu eigen und präsentiert sich auch gegenüber Gläubigen als Verkünder „eigentlicher“, durch die offiziellen Kirchen „verdrängter“, antijüdischer „Wahrheiten“. Ich halte das für sehr problematisch – zumal dann, wenn dabei auch noch Minderjährige eingebunden, angesprochen und manipuliert werden. Würden wir es denn hinnehmen, wenn in einer kirchlichen Jugendarbeit antijüdische Texte von Martin Luther ohne jede Einordnung, aber mit persönlicher Signatur des Gruppenleiters verteilt würden? Ich halte das für problematisch, gefährlich und für geeignet, Menschen verschwörungsgläubig, dualistisch und antisemitisch zu radikalisieren.

c) Würden Sie das Buch insgesamt als antisemitisch einstufen?

Jeder Text wird – schon beim Lesen – interpretiert. Und wer also „Der Große Kampf“ ohne jede historische und auch kritische Einordnung verordnet, nimmt die Förderung von Antisemitismus billigend in Kauf.

Konkret bemängele ich, dass in dem Text „die Juden“ mit dem „Satan“ und „die Christen“ mit „Jesus“ assoziiert werden, ohne dass z.B. reflektiert wird, dass selbstverständlich auch die ersten Christinnen und Christen jüdisch waren. Auch z.B. Schriftgelehrte wie Jochanan ben Sakkai, der sich zur Vermeidung von Gewalt und auf der Flucht vor Extremisten in einem Sarg aus dem belagerten Jerusalem schmuggeln ließ und das heutige, rabbinische Judentum maßgeblich begründete, finden leider keine Würdigung. Damit wird ein auch historisch falscher Dualismus zwischen vermeintlich satanischen Juden und vermeintlich himmlischen Christen aufgespannt, der der viel komplexeren Geschichte nicht entspricht und gegen den sich z.B. auch Jesus, Jakobus, Paulus etc. sicher gewandt hätten. Eine solche religionshistorisch verzerrte Schrift heute noch religiös bejahend und ohne kritische Einordnung zu verteilen halte ich für schlichtweg unverantwortlich.

Euch Dank für Euer Engagement und herzliche Grüße

Michael (Blume)