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Das Q-Kontinuum: Forensische Linguisten ermitteln die Haupt-QAnon-Autoren

Machine Learning und umfassende Computeranalysen legen nahe, dass Ron Watkins und Paul Furber die QDrops schrieben – kein hoher Militär mit Q-Freigabe

Millionen von Menschen glauben, dass “Q”, der Autor der QDrops, auf denen weite Teile der QAnon-Verschwörungstheorie basieren, ein hoher us-amerikanischer Militär mit sogenannter Q-Freigabe ist. Bei QAnon hing gerade am Anfang der sektenartigen Bewegung ein Großteil der Glaubwürdigkeit an diesem Mythos.

Doch wie vieles bei QAnon fällt dieser Mythos mehr und mehr in sich zusammen. Schon vor einiger Zeit gab es Hinweise, dass Ron Watkins hinter den QDrops steckte, zumindest hinter dem größten Teil. Ron Watkins, der heute für einen Sitz im US-Kongress kandidiert, streitet es zwar ab, aber viele sind von dieser Tatsache überzeugt. Schließlich sind viele der QDrops auf 8kun erschienen, der Plattform, die Rons Vater Jim von Frederick Brennan übernahm.

Doch Watkins ist nicht der einzige Autor. Es gab schon Drops vor der Übernahme durch die Watkins. Und die wurden wohl von einem Paul Furber geschrieben, einem Südafrikanischen ITler und Technikjournalisten. Das wurde von zwei Teams von Computerlinguisten aus der Schweiz und aus Frankreich anhand von Computermodellen ermittelt, Studien, über die die New York Times nun erstmals berichtet.

Beide Teams spürten unabhängig voneinander den linguistischen Feinheiten der QDrops nach. Beide Teams benutzten mathematische Ansätze und Computeranalysen, einen mathematischen Ansatz, der als Stilometrie bekannt ist, eine Form der Wissenschaft, die Ergebnisse liefert, die messbar, konsistent und reproduzierbar sind. Die Stilometrie, Untersuchungen zum Sprachstil mithilfe von Statistik, ist nicht neu, doch der hier verwendete Ansatz ist ausgeklügelter. Er basiert auf dem in der Genetik genutzten Sequenzierungsverfahren.

Ihre Technik hebt nicht die einprägsame, idiosynkratische Wortwahl hervor, wie es traditionelle forensische Linguisten machen. Die Analysten verfolgten einen anderen Ansatz: Eine ausgeklügelte Software zerlegte die Q-Texte in Muster von Drei-Zeichen-Sequenzen und analysierte die Wiederholungen jeder möglichen Kombination. Jedes Team wandte dabei unterschiedliche Techniken an. Die Schweizer Wissenschaftler setzten eine Software ein, um Ähnlichkeiten in den Drei-Zeichen-Mustern über mehrere Texte hinweg zu messen und dabei die Komplexität von Wortschatz und Syntax zu vergleichen. Das französische Team verwendete eine Form der künstlichen Intelligenz, die die Muster der Schreibweise eines Autors in etwa so lernt, wie eine Gesichtserkennungssoftware menschliche Merkmale lernt.

Die meisten, mit denen die Times über die Studien sprach, sind überzeugt von den Ergebnissen. David Hoover, Englischprofessor an der New York University und Experte für Autorenidentifizierung, fand die Arbeit laut New York Times “ziemlich überzeugend”. Patrick Juola, von der Duquesne University, ein Mathematiker, der J.K. Rowling als Autorin von Cuckoo’s Calling” identifizierte, sagte der New York Times: “Ich glaube es”, und er fügte hinzu: “Was wirklich beeindruckend ist, ist die Tatsache, dass die beiden unabhängigen Analysen das gleiche Gesamtmuster zeigten.”

Und dieses Gesamtmuster ergab in beiden Teams folgende Geschichte zur Autorenschaft:

Es begann 2017 mit Paul Furber. Der überzeugte Verschwörungsgläubige schrieb die ersten QDrops auf 4chan. Diese frühen Q-Botschaften legten die zentralen QAnon-Mythen und Slogans fest, die dann in späteren Botschaften wiederholt wurden. Zu dieser Zeit sorgten Furber und einige andere frühe Unterstützer dafür, dass das Interesse von YouTubern geweckt wurde, welche dann die Botschaften verbreiteten.

“Zunächst stammt der größte Teil der Texte von Furber”, sagt der französische Computerlinguist Florian Cafiero, der am französischen Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung arbeitet, der New York Times. “Aber die Signatur von Ron Watkins nahm während der ersten Monate zu, während die von Paul Furber abnahm und dann ganz verschwand.”

Signatur? «Wenn wir schreiben oder sprechen, schaffen wir eine ganz persönliche Signatur, die Sprache wird zum Fingerabdruck», erklärte der ehemalige Genetiker Roten, der in der Schweiz mit einem Team von Physikern, Informatikern und Linguisten einen Algorithmus entwickelte, der Wortkombinationen, Satzbau, Rhythmus und Tempo eines Textes analysiert und individuelle Autorenprofile erstellt, schon dem Schweizer “Blick”. Die Signatur.

Anfang 2018, so sagen beide Studien, änderte sich die Schreibweise dann auffallend. Während die Beiträge von 2017 eher aus “sokratischen Fragen” bestanden, seien die späteren Beiträge eher deklarativ und expositorisch, mit einer starken Verwendung von Ausrufezeichen und Wörtern in Großbuchstaben.

Der offensichtliche Wechsel im Schreibstil im Januar 2018 falle mit einem ungewöhnlichen Austausch zwischen dem Q-Konto und Ron Watkins auf 8chan, heute 8kun, zusammen: derjenige User, der als Q schrieb, forderte Watkins auf, öffentlich zu bestätigen, dass die Nachrichten immer noch vom ursprünglichen Q stammten. Watkins bestätigte dies, woraufhin Q erklärte, dass alle künftigen Beiträge ausschließlich auf der Plattform der Watkins, 8chan, erscheinen würden. Das war auch der Zeitpunkt, an dem Furber lamentierte, Q sei gekapert worden und Watkins sei mitschuldig. Watkins übernahm von Furber. Furber war raus.

Watkins und Furber – die Hauptautoren der QDrops … Nun, beide Teams schließen nicht aus, dass weitere Autoren sich im Laufe der Zeit an Drops versuchten, beispielsweise Jim Watkins. Beide Teams nahmen daher weitere Personen in ihre Analyse auf.

Die Schweizer untersuchten sechs potenzielle Autoren, die in der Anfangszeit der Autorenschaft verdächtigt wurden: Furber, die beiden Watkins und drei, die um Spenden für Q bettelten. Die Franzosen fügten für ihre Analyse diesen sechs potentiellen Autoren noch sieben weitere Personen hinzu: einen anderen Q-Unterstützer, der den Watkins nahe steht, sowie Donald Trump, seine Frau Melania, seinen Sohn Eric, Trumps ehemaligen Sicherheitsberater Michael Flynn, Trumps politischen Berater Roger Stone und Dan Scavino, den stellvertretenden Stabschef im Weißen Haus.

Doch am Ende blieben Furber und Watkins. Zwei Autoren, nicht einer. Viele Investigativjournalisten hatten dies bereits vermutet. Die Wissenschaftler können laut New York Times sogar quantifizieren, wie genau ihre Analysen sind. Das Schweizer Team nennt eine Trefferquote von etwa 93 Prozent. Das französische Team gibt an, dass seine Software die Signatur von Watkins in 99 Prozent der Tests und die von Furber in 98 Prozent der Tests korrekt identifizierte.

Ein Hubschraubermonteur und ein Technikautor begründeten mit ihren erfunden Post auf Basis der falschen Prämisse “geleakter” Geheimnisse vom Deep State einen mittlerweile religiös anmutenden Verschwörungsglauben, dessen sektenartig agierende Anhänger sich weltweit zusammenfinden, versuchen, Regierungen zu stürzen und glauben, dass der Deep State maßgeblich aus Satanisten besteht.

Längst sind zwei QAnon-Gläubige im us-amerikanischen Kongress, Watkins selbst ist im Wahlkampf. Längst hat sich der Mythos QAnon verselbstständigt. Längst richten Menschen ihr Leben nach QAnon aus. Millionen von Menschen, die bereit sind, in ihrer Verblendung demokratische Wahlen nicht anzuerkennen und gewählte Regierungen abzusetzen, Menschen, die bereit sind zu glauben, dass Verhaftungen und Hinrichtungen von Politikern, Journalisten und Schauspielern an der Tagesordnung sind … und das gut finden. Längst schafft QAnon Feindbilder, mit denen sich die unterschiedlichsten Menschen identifizieren können, längst schafft QAnon eine Gemeinschaft von Menschen, die durch angebliches Wissen um verborgene Geheimnisse ihre eigene Winzigkeit vergessen können.

Längst ist QAnon mehr als ein Mythos. Es ist eine sektiererische Religion, eine terroristische Bestrebung, wird zunehmend eine Gefahr für die Demokratie und bestimmte Personengruppen, wurde ein verschwörungsideologischer Selbstläufer. Und das, obwohl Q seit Dezember 2020 nichts mehr droppte.

QAnus – alles, weil zwei Deppen ihren utopischen Phantasien freien Lauf ließen und logen, dass sich die Balken bogen. Und weil es leichtgläubige Menschen gibt, die glauben, selbst zu denken … und doch nur dem Irrwitz eines angeblichen Messias hinterherrennen.