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Anonymous Meinungsecke

Warum Anonymous ein sinkendes Schiff enterte

Was hinter dem Titanic-Hack steckt und warum er gerechtfertigt war – ein Gastbeitrag.

Ohai,

ich war eines dieser Kellerkinder, die kürzlich die Website des Titanic Magazins aufs Korn genommen haben. Und wenn ich “ich” schreibe, so sind damit ca. 13-37 Personen gemeint, die an diesem Artikel schreiben. Für jede Beleidigung oder für unmoralische Ausdrücke möchte ich mich im Vorfeld schonmal entschuldigen (ach ne, sowas machen wir Anons nicht). Aber zumindest möchte ich sagen, dass sich nicht jeder von den folgenden Worten angesprochen fühlen muss und ich gleich natürlich einiges überspitzen werde, sodass es nur auf ein paar wenige zutreffen wird von jenen Gruppen, die sich ggf. angesprochen fühlen. Ich werde gleich auch gegen sich als links bezeichnende Gruppen/Personen austeilen. Das bedeutet aber nicht, dass ich euch mit Rechten/Nazis usw. gleichstelle. Rechtsextremismus ist um ein Vielfaches schlimmer als Linksextremismus! Und falls es euch Interessiert, ich persönlich sehe mich eher der linken Seite zugeneigt.

Nach vielen Angriffen auf die Querdenkerbewegung (wo eine „fehlende Moral“ niemanden von euch gejuckt hat), habe ich es nun einmal gewagt, eine nicht in der Querdenkerszene angesiedelte Website zu hacken. Neben einiger freudiger Zustimmung ließ die Empörung nicht lange auf sich warten. Mir war bewusst, dass dieser Angriff auf Titanic sehr kontrovers aufgenommen werden würde, und ja, vielleicht war dies auch ein wenig beabsichtigt, denn ich freue mich grad riesig, endlich mal selbst einen Artikel schreiben zu können und habe nun endlich einen passenden Aufhänger.

Fangen wir mit dem Bild an, welches als Auslöser (Spoiler: Es war nur der Tropfen der das Faß zum überlaufen gebracht hat) für meinen Hack gesorgt hat:

Ich weiß, was die Titanic Redaktion mit diesem Bild ausdrücken wollte. Es soll ein „Statement“ gegen „Partypatriotismus“ sein, welcher in den Augen von einigen linken Personen verstärkt in Zeiten internationaler Großereignisse wie z.B. der derzeitigen Fußball Europameisterschaft thematisiert und beklagt wird. Ob dieser Partypatriotismus wirklich so brisant ist, dass es gerechtfertigt ist, Deutschlandflaggen von anderen Autos abzubrechen oder von Balkongeländern zu stehlen, würde ich eher bezweifeln, da es sich bei den meisten Zuschauern wohl doch eher um normale Fußballfans handelt, welchen man den Spaß am Fußballschauen nimmt (und nein, ich habe keine Deutschlandflagge an meinem Auto, das sieht einfach scheiße aus).

Die Titanic Redaktion bricht keine Deutschlandflaggen von Autos ab (zumindest ist es mir nicht bekannt), sondern geht einen eigenen Weg, in Form von „Satire“. Man nehme einen Werbeslogan einer bekannten Brauerei und bastelt mit Photoshop ein schickes Bild aus der NS-Zeit rein und fertig. Und selbst wenn jemand den „wichtigen“ Background dieses Bildes nicht versteht, ist es trotzdem ein Lacher, denn lustige NS-Bilder sind ja immer nen Lacher wert?

Ich sehe das nicht so! Dieses Bild ist auf mehreren Ebenen abscheulich und transportiert im Deckmantel der Satire eine Verharmlosung einer Zeit, die sich niemals wiederholen darf.

Schlimmer noch: das Bild setzt Partypatriotismus mit Nationalsozialismus gleich. Patriotismus hat in vielen Fällen nichts mit Nationalsozialismus zu tun. Die Wortschöpfung „Partypatriotismus“ noch viel weniger. Jemand, der während der EM für Deutschland ist und sich mit Fanartikeln eindeckt, welche nunmal die Deutsche Flagge ziert, ist kein Nazi (dazu braucht es schon ein paar mehr Eigenschaften). Auch wenn „Übertreibung“ eine Stilform der Satire ist, bin ich der Meinung, dass es diese Art der Verharmlosung der dunkelsten Zeit in Deutschland nicht rechfertigt.

Und wer die NS-Zeit verharmlost, stärkt Antisemitismus (wenn auch ungewollt). Jenes Bild wird von Rechten und Nazis als Sharepic verwendet, weil es eben jenes Narrativ bedient. Ob der Titanic-Redaktion bewusst ist, dass sie mit ihrem „Statement gegen Partypatriotismus“ auch die echten Nazis bespaßen? Sicherlich, nur ist es ihnen wohl egal, denn bevor man mit einem sinkendem Schiff in der satirischen Bedeutungslosigkeit landet, nimmt man sowas wohlwollend in Kauf.

Und das Argument, dass dieses Bild aus dem Jahr 2016 ist und somit gar nicht mehr aktuell, könnt Ihr euch getrost in den Arsch stecken. Solang die Auswirkungen der NS-Zeit noch aktuell sind, verliert auch sowas nicht an Aktualität, erst recht nicht, wenn kürzlich wieder vermehrt Aufkleber von diesem Bild aufgetaucht sind. Erst recht nicht in Zeiten, in denen Querfrontler und andere versuchen, Holocaust-Relativierung und Antisemitismus hoffähig zu machen. Das ist nicht erst seit dem letzten Jahr so, sondern war auch schon 2016 der Fall.

Ein Einzelfall? Nein, bei Titanic ist es mittlerweile Usus geworden, mit ihrer Art der „Satire“ alle gesellschaftlichen Ränder zu bedienen, und der Kontext rückt für die Reichweite immer weiter in den Hintergrund (sofern überhaupt noch ein Kontext erkennbar ist). So wird auch vermehrt thematisch alles ausgelutscht, was derzeit am meisten Reichweite bringt. Aktuelles Beispiel ist das momentane Bashing gegen die Grünen, welches auch mit satirischen Artikeln/Sharepics von der Titanic Redaktion ausgeschlachtet wird. Ich will hier nicht die Grünen in Schutz nehmen, sondern nur auf die Einseitigkeit aufmerksam machen. Die Einseitigkeit und der für manche nicht wirklich erkennbare Kontext sind gewollt, denn mit diesem Interpretationsspielraum, ist man für alle Seiten offen und erhöht somit die Reichweite. Welche Passagiere man sich damit auf das sinkende Schiff holt?

Seht selbst:

Und an jene, die uns unterstellen wir würden die Falschen angreifen: vielleicht solltet ihr drüber nachdenken ob ihr nicht vielleicht die Falschen in Schutz nehmt.

Hätte ein Hans-Georg Maaßen einen solchen Spruch gegen die Grünen losgelassen, hätten viele von Euch doch auch zurecht einen Shitstorm losgetreten, weil man eben das rechte Narrativ unterstützt. Was ist daran bei der aktuellen Richtung der Titanic anders? Satire darf einfach alles? Warum meckert ihr dann – zurecht – gegen Nuhr?

Vielleicht solltet auch ihr mal in den eigenen Reihen schauen. Sympathiepunkte machen nicht alles obsolet und rechtfertigen keine billigen NS-Vergleiche sowie das vermeidbare Stärken rechter Gruppierungen. Dennoch haben Sympathiepunkte bei mir dafür gesorgt, dass ich diesen Webserver nicht gelöscht habe, wie Anonymous es sonst bei Ken Jebsen, Ignorance, OCG und sonstigen gefährlichen Spinnern gemacht hat. Ein Denkzettel war es, mehr nicht. Satire will einen Fokus setzen; wir tun nichts Anderes.

Um das ganze nochmal von einer anderen Seite zu betrachten. Der Server des Titanic Magazins war dermaßen schlecht abgesichert (ein Upload Script aus dem Jahr 2012 war frei zugänglich), dass man froh sein kann, dass es bisher noch keinen anderen gegeben hat, der sich auf den Servern umgeschaut hat. Jemand, dem die Belange von Privatpersonen scheißegal sind, hätte hier mit den persönlichen Daten von über 150.000 Abonennten und Käufern so einiges anstellen können. Einen Webserver so zu verwalten, ist unverantwortlich und rechtfertigt schon unabhängig von meinen Beweggründen eine Aktion.

Und nein, wir sind keine White Hat Hacker.

Zum Schluss möchte ich noch ein paar direkte Worte an die Titanic Readktion verlieren:

Lt. Wikipedia ist „Satire ist eine Kunstform, mit der Personen, Ereignisse oder Zustände kritisiert…“ . Wenn ihr jedoch in letzter Zeit eher jene Zustände stärkt, welche ihr doch eigentlich kritisiert, was ist eure „Satire“ dann wert? Denkt da mal drüber nach, während ihr euren Kühlschrank in der Redaktion säubert, weil er wieder einmal versifft von vergessenen Lebensmitteln ist (ja, ich habe eure Chats gelesen). Auch ich hoffe das ihr euer sinkendes Schiff wieder auf Kurs kriegt, ohne dass ihr jene stärkt, die es in keinster Weise verdient haben.

Hinweis: Dieser Artikel ist ein Gastartikel einer Gruppe von Hackern. Wir haben diesen Artikel auf Wunsch unverändert übernommen. Wie üblich bei uns, wird auch dieser unter dem Autorennamen AnonLeaks veröffentlicht. Ihr braucht gar nicht erst zu fragen, wer es ist, denn wie immer wurde er anonym zu uns durchgestochen. Wir wissen es nicht. Und selbst wenn, wir würden es nicht sagen. Klar soweit?

36 Antworten auf „Warum Anonymous ein sinkendes Schiff enterte“

Ich finde es gut, daß Ihr gehackt habt – das mit den Adressen ist ne Sauerei- der Artikel klärt Euern Standpunkt, ohne nieder zu machen, das mag ich. Es gilt, wach zu bleiben, gerade auch sich selbst oder der eigenen Gruppierung oder Seite gegenüber. Kritische Hinterfragung ist absolut wichtig, um nicht behaglich zu versumpfen. Danke.

Nachdem man sich also bei den Quervögeln zum obersten Gralshüter des Journalismus ernannt hat, ernennt man sich jetzt bei Titanic zum obersten Gralshüter der Satire. Was kommt als nächstes ? Gralshüter über Kritik an den Grünen ? Gralshüter darüber wie die Leute zu denken haben ? Es bleibt spannend.

Ich denke, Ihr liegt schlicht falsch in Eurer Beurteilung, sowohl was die “Bitburger-Werbung” angeht und auch der Vergleich mit dem Spruch über die Grünen. HGM hätte den Spruch gar nicht bringen können, weil er ein Angriff auf Rechte ist (Aussage nüchtern ja in etwa: Wer Grüne als Sozialisten sieht, ist völlig im Irrtum, denn die sind schon quasi so bürgerlich wie die CDU.) Wenn Werner Kühnel zu dumm ist, um das zu erkennen, ist das sein Problem und nicht das der Titanic.

Am Ende ist es dann jedenfalls sehr selbsgerecht (in Verwandtschaft zu “Selbstjustiz”), dann solche Aktionen zu machen, wenn Ihr meint, besser beurteilen können zu müssen, was Satire ist, darf, kann, soll,…

Ich finde den Hack okay. Irgendwie geht es nur noch um Reichweite, gefühlt versucht jeder derzeit sein Buch, seine Veranstaltung oder eben seine Zeitung zu verkaufen, indem oft eher billige Vergleiche, Bashing oder Bildmanipulationen genutzt werden. Unerheblich, wer daneben greift! Ihr habt völlig Recht, wäre sowas von Bernd H. oder vom Reizhuster gekommen, wäre der Aufschrei enorm. Trotzdem finde ich, kann man stolz auf unser Land sein – es gibt wahrlich schlimmere und zwischen Patriotismus und Nazionalismus ist immer noch ein Unterschied.

Man kann geteilter Meinung sein, was Satire inhatlich darf und was nicht. Aber eines darf sie ganz sicher nicht: sich auf ihrer Satirefreiheit ausruhen und aufhören, sich immer selbst zu hinterfragen. Bei Titanic hatte ich in letzter Zeit das Gefühl, dass sie genau das mit dem Sich-Selbst-Hinterfragen vergessen haben.
Danke für den Wachrüttler.

Im Endeffekt ist die Titanic nichts anderes mehr als die BILD in Satireverkleidung, welches schon seit Jahren keinen klar ersichtlichen Standpunkt mehr vertritt und ihre “Satire” darin sieht, noch ein paar billige Witze auf der Welle der Empörung zu machen.
Früher, bspw. unter der Leitung von Sonneborn (welcher nun auch nicht lupenrein ist, aber sei’s drum) hat man wenigstens noch mehr oder minder investigativ die Themen beleuchtet, bis die Witze kamen.
Heute? “Ahaha Baerbock! Grüne! Genderwahn!!!” – alles um den Stimuli einer Facebook-Kommentarspalte zu befriedigen, während man mittlerweile auf dem selben Niveau angelangt ist.
Satire? Würde ich so nicht mehr nennen, wenn dann höchstens “minderwertige Satire billigster Art am Rande der Kunstfreiheit”, da sich deren Beiträge oftmals so lesen wie diese üblichen schlecht recherchierten, einseitigen Sharepics ohne jeglichen Inhalt.
Rechtfertigt das einen Hack? Kein Plan, Ermessungssache.
Aber das man mal auf den Tisch haut was ein “alter Freund” mittlerweile so bringt, ist bitternotwendig.

PS: NATÜRLICH ist auf deren Homepage, die nun “gewartet” wird, nur riesengroß der Aufhänger der aktuellen Ausgabe zu sehen:

“GENDER-TERROR bei Familie Baerbock:
Ihre Kinder dürfen nicht “MAMA” zu ihr sagen!
Das schlimmste Klima herrscht zuhause!”

Ich sags mal so: Nach der Begründung des Hacks die Website DAMIT vollzukleistern ist… sagen wir mal… mutig.

Wenn Du den Witz auf der Titelseite als solchen über Genderwahn bei den Grünen verstehst… Ich sag mal: das ist schon Realsatire, das wörtlich zu verstehen.
(Zur Erklärung: Mit dem Titelbild macht sich Titanic über all diejenigen lustig, die den mutmaßlichen “Genderwahn” beklagen.)
Wo Du natürlich einen Punkt hast: BILD hat mittlerweile so absurde Schlagzeilen, dass man Satire kaum noch davon unterscheiden kann.

Oft sind es aber auch die Reaktionen, welche den Extremismus beschwören indem sie flache Witze aufschaukeln… Wahrscheinlich das Stigmata der Satire

War das jetzt politisch?

> Ich weiß, was die Titanic Redaktion mit diesem Bild ausdrücken wollte

Da habe ich so meine Zweifel. Es geht natürlich auch um „Partypatriotismus“, aber eben nicht nur. Die Tatsache, dass Titanic hier eine Bitburger-Werbung als Vorlage genommen hat, ist ja auch kein Zufall. Vielleicht gab es da auch eine gewisse Vorgeschichte, im Kontext der Kampagnen der Brauerei, z.B. zur 2014 WM und eben zur 2016 EM. die vielleicht auch ein paar Kontroversen hervorgebracht hat?

Vielleicht erinnert sich einer der 1337 Kellerkinder auch noch, was so 2016 (und 2015) los war hier in DE?
Ja, nachdem ich mir das 2016-Argument wunschgemäß in den Arsch geschoben habe, muss ich es leider doch wieder hervorholen, sry, wenn es nun müffelt.
Weil, das ist nicht unerheblich für den Kontext, schliesslich straft man einen Urheber einer Aktion von 2016 ab (mit Fokus auf Bitburger-Werbung & Partypatriotismus), die offensichtlich von in 2021 von Rechten und Antisemiten ohne satirischen Anspruch missbraucht werden.

Also, 2015/16 war eine Zeit, in der viele Bürger (inkl. mir) ihre Freizeit und Urlaub geopfert haben, um dem Chaos, den die damalige (eigentlich identisch mit heutiger) Regierung mit “wir schaffen das…” hinterlassen hat, klar zu kommen. Viele von uns haben sich den Arsch aufgerissen und geholfen, vermittelt, getröstet, wo es nur geht und die Lücken gefüllt, die der Staat hinterlassen hat.

Zu dieser Zeit brannten aber auch vermehrt Asylantenheime und die AfD bekam massig Zulauf. Der Aufschwung der Rechten begann erneut. Nur, Querfrontler gab es damals nicht wirklich (ausser ein paar versprengter Reichsfuzzis).

Wie wir uns vielleicht erinnern, wurde die DFB-Auswahl 2014 Weltmeister und DE lag sich in den Armen. Alles schön gewesen damals. Auch mit vielen Flaggen und so

Aber gerade zwischen 2014 und 2016 ist eben einiges passiert, die Rechten wurden präsenter und nach dem Erfolg 2014 war eine gewisse Skepsis in Bezug auf Patriotimus durchaus zu spüren.

In diesem Zusammenhang hat eine Satire-Zeitschrift (bei der man im Gegensatz zu HGM oder Nuhr immer mit Sicherheit WEISS, das sie Satire machen) eine Postkarten Aktion aufbauend auf Bitburger-Werbung (erinnert sich noch wer an die teils Riefenstahlesken Plakate der deutschen Mannschaft der Brauerei?) gestartet.

War sie übertrieben? Vielleicht, kontrovers war sie damals schon auf jeden Fall.
Aber dann hätte man ja zu dieser Zeit mit Aktionen handel können, schliesslich soll ja das Upload-Script schon seit 2012 da rum liegen.

Sie dafür dann 5 Jahre später zu verurteilen, dass es in der heutigen Zeit Antisemiten für ihre Zwecke verwenden, finde ich nicht korrekt.
Nur weil heutzutage Querfrontler, Antisemiten und Neu-Rechte es geschafft haben, dass Satire gar nicht mehr so erkennbar ist, weil man nicht weiss: überspitzt da einer bloss oder meint der das ernst?

Vor 5 Jahren war klar: Das IST Satire.
Wenn mir ein Neu-Rechter-Reichsidiot in 2021 mit diesem Sticker vor der Nase rumwedelt, bin ich mir nicht so sicher.
Aber dann muss ich doch dem 2021-MöchtegernNazi eins in die Fresse geben, nicht dem Satiriker von damals.

So seh ich das zumindest.

Ansonsten habe ich es der Titanic idR immer angerechnet, dass sie nach allen Richtungen, aber immer nach oben austritt. Nach oben, im satirischen Kontext heisst: Politik, Wirtschaft, usw.
Dass sie nicht nur gegen rechts keilt, sondern grundsätzlich nach oben, und ja, auch die Grünen sind mittlerweile “oben”, auch wenn das einigen Linken nicht gefällt, fand ich gut.
Dennoch weiss man, sofern man sich mit dem Verlag beschäftigt, wo die Titanic politisch einzuordnen ist (nicht nur nach Sonneborn), definitiv nicht antisemtisch oder rechts.

Vielleicht ist Satire wirklich tot in der heutigen Zeit, weil man kaum noch etwas überspitzen kann.

Vielleicht ist in einer Welt in der Realsatire schon so viel Wirklichkeit ist, kein Platz mehr für Satire.

Vielleicht bin ich selbst zu alt, um in einer Welt, in denen sich jeder viel zu ernst nimmt, noch mit seiner “nicht alles so ernst nehmen”-Einstellung, zeitgemäß erscheint.
Aber ich hatte mir seit meiner Jugend auf die Fahne geschrieben, dafür zu kämpfen, dass man zum Erhalt der Meinungsfreiheit und der Satire
… einen Präsidenten einen Ziegenficker nennen darf ohne in den Knast zu wandern
… Karikaturen zeichnen darf ohne hingerichtet zu werden
… die dunkelste deutsche Geschichte als Überspitzung nutzen darf, ohne dass das als Verharmlosung interpretiert wird

So, jetzt hatte ich, genau wie du, auch mal einen Anlass, einen längeren Artikel zu schreiben, gleichwohl nicht so prominent, aber immerhin.

Danke für Deinen langen Beitrag, schön, dass es Menschen gibt, die kritisieren und dabei differenzieren und artikulieren können. Wir kommentieren das auch nicht weiter außer in einem Punkt: Die Querfront ist seit 2014 aktiv auf unserem Radar. Deswegen haben wir naturgemäß einen etwas anderen Blickwinkel.

Ich möchte mich @Whoopie weitestgehend anschließen. Und gleich vorweg, ich gehöre auf keinen Fall zu denjenigen, die alle Aktionen des letzten Jahres positiv bewertet haben und nun anfange mit “aber warum kümmert Ihr Euch nicht um…”
Ich finde es durchaus legitim wenn Ihr Euch subjektiv und partikulär Leute und Organisationen vornehmt.
Bei der Titanic halte ich einen Antisemitismusvorwurf aber definitiv für übertrieben, wenn nicht gar falsch. Ich möchte gerne daran erinnern, dass die Titanic explizit bereits gegen Antisemitismus engagiert war, als selbst innerhalb der deutschen Linken eine offene Diskussion über Antisemitismus im Allgemeinen, aber speziell Antisemitismus innerhalb der Linken nahezu unmöglich war (mit Ausnahme der Konkret und deren Umfeld). Auch im Falle Möllemann hat sich die Titanic eindeutig positioniert, während selbst viele Linke die Kritik an Möllemann einfach nicht nachvollziehen konnten.
Zugegeben, man kann eine Gruppe / Medium natürlich nicht anhand ihrer Geschichte für immer verteidigen. Auch ich kritisiere, dass das Niveau und das politische Engagement in den Letzten Jahren nachgelassen hat. Dennoch ist auch heute die Position der Titanic zum Thema Antisemitismus eindeutig.
Der Titanic deshalb ihre Seite zu plätten, finde ich definitiv übertrieben. Ich denke, da hätte ein Artikel oder eine öffentliche Diskussion durchaus mehr bewirken können. Zumal Menschen von der Titanic mit Sicherheit für eine Diskussion offen sind und nicht als unbelehrbare “Feinde” à la Jebsen eingeordnet werden sollten.
Zum Fahnenpöbel kann ich nur sagen, dass feiernde siegesbesoffene Deutsche seit den 90ern generell eine potentielle Gefahr darstellen. Wie viele ausländische Menschen trauen sich an solchen Tagen kaum noch vor die Haustür, aus Angst vom Mob gejagt zu werden? Wie viele “nichtdeutsche” Imbisse und Restaurants wurden bei der Gelegenheit schon angegriffen oder gar angezündet? Wie viele feiernde Mobs enden nach einiger Zeit und Bier in “Sieg Heil” Rufen?
Die offizielle Bitburger Werbung bedient sich genau dem Nationalgefühl, welches dazu führt, dass immer mehr Menschen sich weiter ausgegrenzt fühlen und teils sogar konkret vor der deutschen Gemeinschaft Angst haben müssen. Vor allem in deutschen Kleinstädten.
Dazu möchte ich gerne einen Artikel aus der ND verlinken, auch wenn ich kein Fan dieser Zeitung bin. In diesem Artikel wird auch die Bit Werbung erwähnt.

https://www.nd-aktuell.de/amp/artikel/1091249.fussball-wm-die-tyrannei-des-nationalen.amp.html

bref, ich finde es schade, dass sich Leute, die sich seit Jahren gegen Antisemitismus engagieren gegenseitig angreifen, während hunderttausende Antisemiten immer unverhohlener ihren Scheiß propagieren und von nicht unerheblichen Teilen der Gesellschaft akzeptiert werden.

Danke für deinen Kommentar und deine Meinung. Ist es nicht schön, dass man in diesem Land geteilter Meinung sein kann und dies auch ausdrücken darf. Wenn die Aluhut-Schwurbker auf Telefram das wüßten.
Übrigens:
Die Seite wurde nicht “geplättet” von den Aktivisten, eben gerade nicht. Es wurden die Artikel auf der Startseite ausgeblendet und ein neuer eingestellt. Direkt über deren CMS Typo3, auf das man vollen Zugriff hatte. Ein altes Upload-Script, das der Heise-Verlag auf github bereitstellt und für das es seit 8 Jahren kein Update mehr gegeben hat ermöglichte das.
Das allein wäre Satire.

Kein Wipe, kein Full-Deface, kein Löschen der Datenbank.
Das nur zur Klarstellung.

Ja, ist schön. Nur stellt Ihr Eure Meinung anscheinend etwas höher als andere und findet, dass Euch mehr zusteht, als Sie einfach nur auszudrücken wie jeder andere auch.

Nein, nicht wirklich. Sie ist nicht mehr oder weniger wert als die von anderen. Wenn aber dieses “ausdrücken wie jeder andere auch” keine Änderung bringt – denn wir sind ja auch normale Menschen -, dann hilft ganz eventuell der etwas nachdrücklichere Weg. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Auch das ist jedem überlassen.

Ich habe eine etwas andere Sicht auf die Intention der Titanic. Aber wie ich das einschätze ist das unerheblich. So hat halt diese Gruppe ihre Sicht darauf. Ist für mich soweit absolut nachvollziehbar hergeleitet. Ist doch ok. Muss man ja auch nicht gut finden. Mich erstaunt etwas, dass man sich “genötigt” sieht, eine Erklärung liefern zu müssen. Es geht nicht darum jemandem gefallen zu müssen. Jedenfalls nicht nach meinem Verständnis des Prinzips Anonymous. Für mich ist es was es ist: ein cooler Hack.

Nein, muss man nicht gut finden, aber wir fanden es auch cool. Wir haben den Beitrag auf Wunsch veröffentlicht, genötigt sah man sich da nicht.

Man darf sich Fragen, warum Titanic laut internen Chats vor “Witzen” gegen Friedrich M. zurückzuckt, weil dieser klagen könnte. “Satire darf alles” und Kunstfreiheit gilt dann nur für low hanging fruits?

…und ich wollte gerade noch hinterher schicken: “und wer weiß, was man alles so gefunden hat und es daher für angebracht hielt.”
Naja und wenn man schon seine Türen anscheinend recht weit aufsperrt, muss man sich halt nicht wundern wenn sich jemand umsieht und eine Nachricht hinterlässt.

Sie waren ganz weit offen, Türen und Fenster.
Man hat aber tatsächlich nur einen Artikel gepostet (in deren Typo3) und die anderen offline geschaltet. Nichts kaputt gemacht, nicht mal ne Vase umgestoßen.

Moin und/oder Mahlzeit.
Lese viele eurer Berichte, die ich eglt. ausnahmslos gut finde.
In diesem Fall möchte ich mich aber @Jean Paul und @Whoopie weitestgehend anschließen.
Wenn man Titanic liest/bezieht ist einem klar was man bekommt. Satire. Teilweise stark überspitzt.
Aber vllt. liegt es auch an meinem Alter (Titanc schon am Kiosk gekauft!) oder daran, dass ich in der Lage bin mir eine eigene Meinung zu bilden.
Und „low hanging fruits“ : Warum soll sich ein rel. kleiner Verlag unnötig mit Hrn. M anlegen?
Aber wichtig ist und bleibt, dass man sich auch andere Meinungen anhört und diese versucht zu verstehen.
Ansonsten als weiter so und drauf auf die, die es wirklich verdient haben.

Du hast Wut und Enttäuschung mit passenden Worten belebt und allen zugänglich gemacht. Vielen Dank dafür.
Ich bin von Beginn an Titanic-Leser. Der Kahn war mir immer Kompass und Überlebenshilfe. Lachen im Angesicht des Schreckens eben.
Mit den Ups and Downs dieses besten aller populistischen Schmierblätter (Eingenbeschreibung) bin daher vertraut.
Verflachung und Bequemlichkeit nehme ich wahr. Ist auch ein harter Job immer geil, dialektisch, hammermässig komisch zu sein.
Das soweit meine Apologie.
Und sonst? Feinde anzugreifen ist easy. Freunden in den Arsch treten viel schwieriger und hier auch notwendig.
Herzliche Grüße HP

PS: Nicht nur Helmut Kohl war bei der sog. Wiedervereinigung gedopt.

Viele Schwurbler untertiteln Ihre Telegram Kotzkanäle inzwischen mit „Satirekanal“, wohl in der Überzeugung, unter diesem Deckmäntelchen jeden, aber auch jeden Bullshit „ungestraft“ verbreiten zu dürfen.
Dass es nicht ganz so einfach ist, sich einer Strafverfolgung zu entziehen, bleibt zu hoffen.

Antisemitismus, Holocaust-Leugnung, Volksverhetzung, Gewaltaufrufe, wie sie bei Hildmann, Unblogd, Miriam Hope, Nerlich und vielen Anderen an der Tagesordnung sind, lassen sich nicht durch die Über- oder Unterschrift ‚Satire‘ legitimieren.

Vielleicht sollte man schon deshalb das Schiff sinken lassen und Anderen, weniger verknöcherten Satirikern, wie z.B. dem Postillion das Meer überlassen.

Danke für diesen Hack!

Genau das ist ein sehr wichtiger Punkt. Satire ist wichtig, und ganz ehrlich: niemand möchte auf Titanic verzichten. Aber Satire muss sich unterscheiden von denen, die ihre rein ideologischen Wirrideen unter eben diesem Label zu verbreiten suchen. Vergleiche mit der NS-Zeit, okay, gingen früher mal, auch wenn sie da schon nicht schön waren. Da wurden sie aber noch nicht missbraucht.

Auch von Satirikern muss man ein Mitdenken erwarten können.

Wenn es nicht mehr erlaubt ist Dinge zu tun oder zu sagen/tun, die von den falschen missbraucht werden (könnten), wird es irgendwann ziemlich schwierig noch überhaupt irgendwas zu bewirken.

Dadurch gibt man den als “falsch” definierten mehr Macht als sie haben sollten (Themen unterdrücken durch gut finden) und es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Menscheit das die definition von “falsch” irgendwann verrutscht.

Es geht doch nicht um erlaubt, sondern um Abgrenzung, Differenzierung, Nachdenken. Warum müssen alle immer in Verboten denken, die wir zum Beispiel nie fordern?

Gut gut. finde auch dass jemand, der so nachlaesslich einen webserver betreibt einen schuss vorn bug verdient hat.
Alles klar.

Aber hier und auf twitter straeuben sich mir doch die haare.
Titanic wird verharmlosung der NS zeit vorgeworfen und Bitburger ist hier das opfer? Echt jetzt?

Hast du wirklich vergessen oder nicht gewusst, dass es seinerzeit auch eine diskussion über die Bitburger werbung gab? Das die plakate damals an die werbung in der NS-Zeit erinnert hatte? Denen hatte man damals verharmlosung vorgeworfen. Titanic hatte das aufgegriffen aber das sind jetzt die boesen?

sorry, das ist IMO so in der kommi dann schon ein fail.

Niemals vergeben, niemals vergessen, aber hier wurde wohl leider eine menge vergessen.

Trotzdem respekt dafür, das du nicht mehr gemacht hast, obwohl du sicher gekonnt haettest

Just my 2cents.

Danke für Deinen Kommentar. Nein, Bitburgers Fail wurde nicht vergessen, und es war von dem Autor auch nur als Beispiel – weil greifbar und durch die Sticker aktuell – gedacht. Es geht hierbei um mehr, wie andere Kommentatoren auch schon bemerkten: Satire wird missbraucht. Gerade von den Querfrontlern und Querdenkern und das nicht erst seit gestern oder dem vergangenen Jahr.
Typen wie AktivistMann bringen es fertig in seinen den Holocaust relativierenden Videos ab und an ein “Das ist Satire” einzustreuen; der AfD YouTuber Stefan Bauer hatte seinen gesamten Kanal auf YouTube als “Satire” deklariert.

Diese Aktion war als Denksanstoß gedacht auch für all jene, die sagen, “Satire dürfe alles”. Satire hat auch Verantwortung.

Als solchen habe ich sie gesehen. Ich fand die Aktion erst kacke, mittlerweile empfinde ich sie zunehmend als hochgradig notwendig.

Um so erstaunter bin ich über die teils unreflektierte Kritik, die in Teilen an Abwehrreflexe erinnert. Bloß nicht über sich selbst nachdenken, lieber mit dem Finger auf andere zeigen. Das ist etwas billig.

Gerade Satiriker sollten ein Gespür für Umbrüche und Umwälzungen auch in der Gesellschaft haben. Das scheint ein wenig verloren gegangen zu sein. Ich warte noch darauf, dass jemand euren Hack mit dem Attentat auf Chalie Hebdo vergleicht. Damit würde sich derjenige dann vollends selbst aus der Bahn katapultieren.

Mach es doch so wie das Zentrum für politische Schönheit. Erklärt es zur Kunstaktion, deklariert es selbst als gelungen, dann ist alles schick und ihr könnt über jede Kritik erhaben sein.

Sorry, ich sehe ein, dass sich Zeiten ändern und dass jede Person darauf achten sollte, nicht in irrationalen Traditionen verfangen zu sein. Aber Satire zu bekämpfen, weil Nazis, Querfrontler*innen etc den Begriff Satire für ihre menschenfeindliche Propaganda missbrauchen halte ich für gewagt. Ich verurteile Anonymous ja auch nicht, weil ein Hildmann seine antisemitische Hetze teilweise unter eben diesem Label verbreitet.
Wie gesagt, ich denke ein sachlicher, guter Artikel im Stile “Lasst uns nicht mehr über Attila Hildmann reden” an dieser Stelle hätte mehr bewirkt und ich finde, das sollte der Weg sein, wie man “interne” Diskussionen beginnt. In diesem Falle ist eine Sachliche Diskussion weitestgehend auf der Strecke geblieben und selbst der Postillon tritt Euch mittlerweile dafür in den Arsch.
Das hätte besser laufen können.

Mag sein. Aber eins nur dazu: Nein, niemand hier “bekämpft” Satire. Dafür ist Satire zu wichtig und notwendig.

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